Wort des FeG-Präses zur Jahreslosung 2026
Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! | Offenbarung 21,5
Was für eine gewaltige Aussage: „Siehe, ich mache alles neu!“ Nicht vielen würde man einen solchen Satz ernsthaft abkaufen oder gar seine Erfüllung zutrauen. Treten Menschen mit derart hohen Ansprüchen auf, sind wir jedenfalls eher skeptisch. Oder werden enttäuscht.
Wer spricht?
Nun heißt es in der Jahreslosung für 2026 ausdrücklich: „Gott spricht.“ [Genau genommen: Der auf dem Thron saß, sprach.] Das lässt aufhorchen. Gott spricht? Ja genau, Gott lässt den Seher Johannes wissen, was jetzt wichtig ist. In einer Vision sieht er Gott, wie er auf einem Thron sitzt und diese Worte sagt. Was für ein Entgegenkommen, denke ich mir, dass Gott seine Botschaft in Worte und Bilder kleidet, die wir als einfache Menschen verstehen können! Es ist ihm sogar außerordentlich wichtig, dass seine Worte verlässlich festgehalten werden. „Schreibe!“, sagt er dem Seher.
Die Gemeinden sollen erfahren, was Gott sagt und zeigt, das Schreiben soll die Runde machen, soll sogar die Zeiten überdauern. Was für ein Wunder göttlicher Kommunikation!
Gott selbst macht also eine Ankündigung, und alle sollen davon erfahren. Er spricht sie von einem Thron aus, was bei dieser Botschaft mehr als angemessen erscheint. Wer sonst als ein himmlischer König könnte wirklich und wahrhaftig alles neu machen? Aber der auf dem Thron sitzt, der kann es.
Die Bedrängten
Die ersten, die davon lasen, waren in arger Bedrängnis. Die Offenbarung des Johannes hat frühe Gemeinden vor Augen, die von innen und von außen unter Druck standen. In den sogenannten „Sendschreiben“ (Kap. 2+3) werden Irrlehrer genannt, die in den Gemeinden wirkten. Sie sind für uns nicht leicht zu identifizieren, weil Johannes alttestamentliche Tarnnamen (Bileam, Isebel) gebraucht. Auch bei den zahlreichen apokalyptischen Bildern, die in den folgenden Kapiteln Verwendung finden, kann man davon ausgehen, dass die Bedeutung für die ersten Leser auf der Hand lag. Wir Heutige müssen uns dagegen erst einmal mit den damaligen Gegebenheiten und Metaphern vertraut machen, damit die Offenbarung kein Buch mit sieben Siegeln bleibt!
Von außen, also vonseiten der Gesellschaft, machte den angeschriebenen Gemeinden neben gelegentlichen Konflikten mit Synagogengemeinden vor allem der zunehmende Kaiserkult Mühe. Er galt als Zeichen der Loyalität mit der römischen Herrschaft. Kaiser Domitian (81–96) ließ sich beispielsweise seit 85 n. Chr. „dominus et deus noster“ („unser Herr und Gott“) nennen. Das konnten und wollten die Christen des ersten Jahrhunderts nicht mitmachen. Ihnen war klar, der Platz auf dem göttlichen Thron ist vergeben, und zwar unumstößlich. Und so gerieten sie schnell in die Rolle von Oppositionellen. Zeitweise herrschte aufgrund des Kaiserkults ein sehr angespanntes Klima der Denunziation in der damaligen Gesellschaft.
Je größer der Druck, je heftiger die Bedrängnis, umso erlösender wirken diese Worte: „Siehe, ich mache alles neu!“ Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie mancher damals sagte: „Ja, bitte! Und gerne schnell!“ So ähnlich klingt es dann tatsächlich auch gegen Ende der Schrift (vgl. Offenbarung 22,17).
Die schönsten Bilder
Wenn alles neu wird, bleibt nichts mehr beim Alten. Um das anschaulich zu machen, werden die schönsten Beschreibungen und Bilder zusammengetragen. Hier eine kleine Auswahl: Ein neuer Himmel und eine neue Erde werden geboren. Das Meer, in der alten Welt ein Sinnbild für Chaos, Bedrohung und Gottesferne (Offenbarung 13,1!) muss erst seine Toten herausgeben (20,13) und dann verschwinden (21,1). Was zurückkehrt, ist Wasser, wie es sein sollte, nämlich Wasser des Lebens (22,1–2). Alles grünt und blüht und trägt Früchte, was mit diesem Wasser in Berührung kommt (22,2). Und das Beste ist, dass Gott der Mittelpunkt dieser neuen Schöpfung sein wird (21,3). Er selbst ist so hell und strahlend, dass es keine Sonne mehr braucht, um sich zurechtzufinden.
Diese großartige Neuschöpfung rechtfertigt allemal die Worte „alles neu“ und alles wunderschön! Hier gibt es keinen Anlass mehr für Tränen, Angst und Geschrei. Der große Schmerz der Welt und ihrer Bewohner wird ein Ende haben. Wie sehr ich mir das für die vielen Leidenden, Verfolgten, Einsamen, Missbrauchten und Kriegsgeschundenen wünsche. Wie sehr ich mir wünsche, dass angesichts dieser Beschreibungen von purem Glück und tiefem Sinn sogar die Erfolgreichen ihre Bedürftigkeit und wir Reichen unsere Armut erkennen.
Denn vieles vergeht mit dieser Welt. Es hat dort keine Bedeutung mehr, wo alles neu wird. Das ist auch der Grund, warum die Erlösung durch Jesus Christus der einzige Weg in diese neue Welt Gottes ist. Sie befreit von allem, was vergehen muss, weil es in Gottes Gegenwart nicht existieren kann: Sünde als Trennung von Gott ist dort undenkbar, wo Gott allgegenwärtig ist. Fixierung auf uns selbst ist undenkbar, wo Anbetung Gottes so selbstverständlich wie das Atmen ist. Unbarmherzigkeit ist unvorstellbar, wo jeder und jede nur aus einem einzigen Grund anwesend sind: weil Gott gnädig ist. Der Tod ist dort undenkbar, wo das Leben unbegrenzt ist. Und weil wir alle zutiefst in diese Dinge verstrickt sind, ist Erlösung Gottes Wunsch für jeden Menschen. Und der einzige Weg hinein in seine neue Schöpfung. Sie verschafft uns schon jetzt einen Vorgeschmack auf Gottes „alles neu“ am Ende der Zeit, denn sie hat am Kreuz und im leeren Grab bereits begonnen.
Von vorne leben
Ich meine, das sind wirklich gute Aussichten! Der Kosmos geht nicht einfach auf seinen Untergang zu, sondern auf seine Vollendung. Deshalb ist die Zukunft Hoffnungsland. Und Christen, erlöste Jesus-Nachfolger, sind Menschen der Hoffnung. Sie leben von den besten Aussichten und auf sie zu. Das macht einen gewaltigen Unterschied für das alltägliche Lebensgefühl zwischen allerlei Aufs und Abs, und auch für die besonderen Momente und weitreichenden Weichenstellungen. Je stärker und konkreter die Hoffnung, umso höher die Widerstandskraft bei Gegenwind. Es muss ja nicht immer gleich ein Kaiserkult sein … Je stärker die Hoffnung, umso ausgeprägter die Fähigkeit, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit auszuhalten. Christsein ist ein Leben, das entscheidend von der Zukunft beeinflusst ist. Es ist, wenn man so will, ein Leben von vorne.
Ein Leben von vorne durchbricht die vermeintliche Allmacht von „Hinterher ist man immer schlauer!“ Das mag für viele Alltagssituationen gelten. Aber für die richtig wichtigen Dinge gilt: Der Ausgang steht fest und es hat schon begonnen: Alles wird neu! Und genau davon lasse ich mich jetzt schon inspirieren. Wenn dieses Leben hier so etwas wie der Auftakt zur großen, ewigen Symphonie Gottes ist, darf es gerne schon zum folgenden Meisterwerk passen. Auch wenn es nur wenige Noten sind im Vergleich zu dem Stück, das noch folgt, sollen sie Lust machen auf mehr. Sie sollen den Rhythmus und die Melodie des Neuen wenigstens in Anklängen vorwegnehmen und eine Ahnung davon erzeugen, was noch kommt.
An der Metapher vom Auftakt gefällt mir, dass dieser Takt zu Beginn eines Musikstücks immer ein unvollständiger Takt vor dem ersten vollständigen Takt ist. Irgendwie ein passendes Bild! Menschen sind für mehr geschaffen als für dieses Leben – es wird hier nicht vollständig. Wir können in Raum und Zeit nicht ausschöpfen, was wir uns im Geiste ausmalen und erhoffen. Es zu versuchen, kann einem sogar eher den Frieden rauben, als die Erfüllung bringen. Deshalb versuche ich, von vorne zu leben, und warte ich auf den einen, der zu Recht sagt: „Siehe, ich mache alles neu.“
Henrik Otto | Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden | praeses.feg.de