Eisenbahnstraße 5/7a


Juni – Gedanken zum Monatsspruch


Als wir noch Kinder waren, wurden wir als Familie jedes Jahr am Karfreitag auf einen großen Bauernhof eingeladen. Unsere Familie umfasste immerhin neun Mitglieder – und die Gastgeber waren auch noch einmal zu viert. Dieser Besuch war eine große logistische Aufgabe für unsere Gastgeber. Der Tisch in der großen Stube wurde auf die volle Länge ausgezogen und liebevoll österlich dekoriert. Er war voll beladen mit den besten Delikatessen, die man sich nur verstellen kann: Speck, Schinken, Aufschnitt, Käse, verschiedene Brötchen, farbige Eier, diverse Salate, Butter, Marmelade, Bauernbrot, Mayonnaise, Essiggurken, Schmalz, Kartoffelsalat, Süßmost, Kaffee, Tee, Milch, Kuchen … All diese Köstlichkeiten waren so reichlich angerichtet, dass sich der Tisch beinahe unter der Last des Guten bog. Die Bauersleute wollten, dass es uns richtig gut gehen sollte. Für mich ist das ein Beispiel erlebter Gastfreundschaft. Auch meine Mutter war eine äußerst gastfreundliche Frau. Bei uns weilten oft Leute zu Besuch, obwohl wir ja, wie erwähnt, eine recht große Familie waren. An Sonntagen luden wir oft alleinstehende Gemeindeglieder nach dem Gottesdienst zu uns nach Hause zum Mittagessen ein. Oft goss meine Mutter noch etwas Wasser in die Suppe oder sie zauberte einen weiteren Salat auf den Tisch. Jedenfalls erlebten wir immer wieder neu, dass es genug gab für alle. Gastfreundschaft und Großzügigkeit gehören für mich aufgrund meiner Erfahrungen in der Kindheit eng zusammen. Meine Mutter zitierte oft den Vers unserer heutigen Bibellese aus Hebräer 13,2: „Vergesst nicht gastfreundlich zu sein. Auf diese Weise haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Manchmal waren unsere Gäste nicht die einfachsten Menschen. Wir erlebten, wie manche an unserm Tisch heulten, andere hatten schlechte Essmanieren, wieder andere aßen nur wenig. Das war für uns nicht immer einfach. Und manchmal motzten wir auch. Wir fragten dann unsere Eltern, warum diese Leute überhaupt bei uns eingeladen waren. In solchen Momenten erinnerten sie uns daran, dass wir nie wüssten, wann wir Engel beherbergen würden. Und wir Kinder staunten über diese Engel, die uns oft eigenartig erschienen. Heute, im Rückblick, kann ich sagen, dass wir durch diese Menschen gelernt haben, wie man respektvoll mit solchen Gästen umgeht, wie man hinter ihre Not sehen kann und warum es Menschen gibt, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. So gesehen waren es halt doch Engel, die damals bei uns waren. Und wenn heute solche Menschen bei mir am Tisch sitzen, ist das nicht anders. Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen: Auch ich will gastfreundlich sein und bleiben.

Ruth Bai-Pfeifer (aus „ERF – Wort zum Tag“, leicht gekürzt)

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